für meine Kinder   
 
     
   
 
 
 
 
 
         
   


An: den Vormundschaftsrichter beim Familiengericht
Von: Martina Gruhn

Stellungnahme

Als langjähriger Babysitter der Familie Alteck möchte ich hiermit eine Stellungnahme über meine Beobachtungen in den letzten Jahren abgeben.

Ich habe in diesem Jahr mein Abitur gemacht und habe wenig Ahnung, wenn es um psychologische Ausführungen und Theorien geht. Niederschreiben möchte ich meine Gedanken in Beobachtungen, die ich im Laufe meiner Zeit mit der Familie Alteck gemacht habe. Das einzige, das ich erreichen möchte ist, dass es den Kindern gut geht. Es sind nämlich drei phantastische Kinder, und ich habe sie so lieb, als ob es meine eigenen wären.

Im Spätherbst 1987 begegnete ich zum ersten Mal der Familie Alteck. Frau Alteck war damals mit Yvonne schwanger und wollte nach deren Geburt einen Babysitter für nachmittags engagieren, damit sie mehr Zeit für ihr kleinstes Kind aufbringen könnte, während ich mit den älteren spielte. Besonders wurde ich darauf hingewiesen, welche Allergien welches Kind hatte und was es deshalb nicht essen durfte. Bemerkenswert war jedoch, dass die Kinder bei mir alles aßen und sich keinerlei Reaktionen zeigten. Stutzig wurde ich das erste Mal, als mir Frau Alteck erzählte, dass Anna eine Allergie gegen ihre Großmutter väterlicherseits habe. Ihr Körper war zwar mit roten Flecken bedeckt, aber dann fiel mir auf, in Welcher Art und Weise Frau Alteck über ihre Schwiegereltern, auch in Gegenwart der Kinder, sprach. Unbegreiflich, man kann nicht glauben, dass Kinder solche Ausführungen einfach verdauen. Als ich Weihnachten 1991 zu Besuch war, bekam ich mit, wie sie während eines Telefongesprächs, über ihren Mann in einer ähnlichen Weise sprach, und wieder waren die Kinder anwesend.

Herr Alteck war mir in der Anfangsphase sehr fremd, da er, wie die meisten Väter, tagsüber arbeitete. Besonders in Erinnerung ist mir allerdings eine Erfahrung, als ich Hilfe in Biologie brauchte und Frau Alteck mir als ehemalige Biologielehrerin helfen wollte. Am Ende war er es, der mir mit einer Lammesgeduld die Fakten erklärte. Dort trat zum ersten Mal die frage für mich auf, wie er wohl mit seinen eigenen Kindern umgehen wird wenn sie ihn einmal brauchen?

Auch das durfte ich eines Tages erleben, als Frau Alteck sich für vier Wochen einer Kur im Müttergenesungsheim unterzog. Ich war in dieser Zeit ein oder zweimal bei Alteck.

Eigentlich war immer meine erste Aufgabe als Babysitter von Frau Alteck, die Wiederherstellung der Zugangswege zu den Kinderzimmern gewesen. Bei meinem ersten Besuch während ihrer Abwesenheit wurde ich von einer ordentlichen heimischen Atmosphäre empfangen, die ich nie zuvor in diesem Haus empfunden hatte. An diesem Tag war eine mir in diesem Hause unbekannte, aber angenehme Ruhe. Zwischen Vater und Kindern herrschte eine vollkommene Harmonie.

Schon früher war mir aufgefallen, dass zwischen Vater und Kindern eine besondere Beziehung bestand, so richtig gesehen hatte ich sie nie, aber jetzt sah ich etwas, was mir an meiner eigenen Vater-Tochter Beziehung immer gefehlt hatte: Ein Vater, der sich in aller Ruhe um seine Kinder kümmerte und dabei ruhig und besonnen war.

Nach dieser Zeit wurde für mich ein Zusammensein mit Frau Alteck fast zu einer Qual. Ich kam nicht mehr mit ihren Ansichten über Kindererziehung und über das Leben zurecht. Regelrecht aufgezwungene Diskussionen zwischen uns zeigten mir, dass diese Lebensauffassung nicht die meine war. Zum ersten Mal war ich froh, dass ich mich schon vor dieser Zeit von meinen Pflichten als ständiger Babysitter befreit hatte. Meine anfänglichen Bedenken hatten sich bestätigt.

Über die Kinder möchte ich folgendes sagen: Nie ist mir an einem der Drei etwas außergewöhnliches aufgefallen. Anna und Maria sind meiner Meinung nach völlig normale Kinder. Beide sind sehr kreativ wenn es darum geht, sich selbst zu verwandeln und haben viel Phantasie, die sie in Form vieler Bilder umsetzen.

Anna ist die Phantasievollste und hat sich allerdings in letzter Zeit insofern verändert, als dass sie bei ihrer Mutter völlige Narrenfreiheit hatte und diese voll ausnutzte. Sie hat meiner Meinung nach die Lage vollkommen erkannt und kommandierte bei meinem letzten Besuch ihre Mutter in einem fort herum. [Dez.'91]

Maria ist sehr auf ihren Vater fixiert. Sie war immer die erste, die ihm entgegen rannte, wenn er nach Hause kam. Ein sehr robuster Typ von einem kleinen Mädchen, die sich nicht so schnell überzeugen ließ. Man hatte es nicht leicht mit ihr, solange keine männliche Person im Haus war. Beide waren in ständiger Sorge um ihre kleine Schwester, und es war rührend anzusehen, wie sie die kleinste in ihr Spiel mit einbezogen.

Yvonne hatte die schwierigsten Startbedingungen. Als Baby erlitt sie eine Hirnhautentzündung und wurde von ihrer Mutter seither wie ein rohes Ei behandelt. Es erschien mir wie ein künstliches Erzwingen eines Kleinkindes. Sie ist bis heute die, die am wenigsten spricht. Aber das kommt nicht etwa daher, weil sie von ihren Geschwistern unterdrückt wurde. Frau Alteck hatte Angst, dass auch dieses Kind größer werden könnte, wie die beiden anderen.

gez. Martina Gruhn
5. August 1992




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