für meine Kinder   
 
     
   
 
 
 
 
 
         
   


An: den Vormundschaftsrichter beim Familiengericht
Von: Christa Gruhn

Betrifft: Familie Alteck

Meine langjährige Bekanntschaft mit Familie Alteck verpflichtet mich, Ihnen diesen Brief zu schreiben.

Am gestrigen Abend erfuhr ich von Herrn Alteck, dass sich seine Kinder seit einigen Stunden wieder in der Obhut von Frau Alteck befinden.

Ich empfinde das Vorgehen des Jugendamtes so unverantwortlich, dass ich mich entschlossen habe, Ihnen meine Sicht der Familiensituation Alteck zu schildern. Als Mutter von nunmehr erwachsenen Töchtern glaube ich mich durchaus in der Lage, auch unter Respektierung anderer Lebenssituationen, zu beurteilen, wie "normal" ein Umfeld für Kinder ist oder eben nicht.

Als ich die Familie kennenlernte, bestand sie erst aus vier Personen, das fünfte Familienmitglied war unterwegs. Ich fand es wunderbar, dass hier nicht die deutsche Einheitsfamilie: Vater, Mutter und zwei Kinder, entstand, sondern hier zwei junge Menschen den offensichtlichen Wunsch nach vielen Kindern hatten, denn vom vierten Kind wurde von Frau Alteck auch schon gesprochen.

Im Laufe der nächsten Zeit erfuhr ich jedoch aus Gesprächen mir Frau Alteck, dass sie diese Kinder nicht aus Freude an Kindern in die Welt gebracht hatte, sondern um ihren Eltern, aber auch ihren Schwiegereltern zu zeigen, wie leistungsfähig sie ist. Dazu muß man wissen, dass die Eheleute Alteck Einzelkinder sind. Das wäre sicher noch nicht problematisch, wenn sie nicht mehr und mehr Druck auf ihren Mann auszuüben begonnen hätte, hinsichtlich seiner innerhalb der Familie zu verbringenden Zeit. So empörte sie sich mir gegenüber vor eineinhalb Jahren, dass sie von ihrem Mann erwarten würde, in der Adventszeit zum Adventskaffee nach Hause zu kommen, unter der Woche versteht sich.

Sie erklärte mir immer wieder, dass sie es nicht einsehe, wenn ihr Mann (geschäftlich) verreise und sie zu Hause sitze muß. Wünschte ihr Mann dann auch noch 2-3 mal im Jahr mit meinem Mann ein Segelwochenende am Bodensee zu verleben, dann suchte sie Mittel und Wege, das zu verhindern oder ließ ihre Eltern anreisen und kam auch mit.

Immer unterstrich Frau Alteck in ihren Gesprächen mit mir, dass der Vater schließlich auch Pflichten den Kindern gegenüber hätte. Sie verstand in erster Linie darunter Zeit. Sie wünschte ihn spätestens um 18.00 Uhr zurück und das ganze Wochenende selbstverständlich. Zu meiner Überraschung habe ich Herrn Alteck nie in Ungeduld ob des Druckes erlebt. Im Gegenteil! Er übernahm die Kinder abends mit Freuden, während seine Frau den Sinn des Lebens in Kursen zur psychischen Aufbereitung des Körpers suchte. Ich habe diese Abende im Hause Alteck erlebt, da mein Mann und ich auf unseren abendlichen Spaziergängen desöfteren dort vorbeikommen. Ich habe auch erlebt, wie Frau Alteck in stundenlangen Telefongesprächen mit mir von diesen Kursen berichtete, obwohl z.B. die Kinder eigentlich Mittag essen sollten und um sie herum sprangen, was mich am anderen Ende der Telefonleitung mehr zu beunruhigen schien als die Mutter, und nur auf mein Drängen das Gespräch beendet wurde.

Die Spitze dieses, in meinen Augen mütterlichen Fehlverhaltens war der Kuraufenthalt von Frau Alteck in einem Müttergenesungsheim. Allein die Tatsache, dass eine Frau, die 4-6 Wochen Urlaub im Jahr am Meer verbringt, eine Putz- und Bügelfrau, Babysitter, einen aufmerksamen Familienvater und sporadisch zeitlich zur Verfügung stehende Eltern hat, keine finanzielle Not beklagen muß, für sich eine solche Einrichtung in Anspruch nimmt, ist für mich kaum zu fassen. Ich habe ihr das auch gesagt; worauf sie mir völlig ruhig erklärte, dass ich wohl falsch orientiert sei, solche Einrichtungen wären für alle Mütter da! Mein Einwand hinsichtlich der vierwöchigen Betreuung der Kinder durch eine völlig fremde Frau (das jüngste Kind war erst zwei Jahre und für sein Alter sehr zurück und sehr scheu) beunruhigte sie in keinster Weise. Nach ihrer Rückkehr rief sie mich an, um mir von diesen herrlichen vier Wochen ohne Kinder aber mit vielen Gesprächen und Diskussionen zu berichten. Immer wieder unterstrich sie, wie schön es gewesen sei ohne die Kinder. Das tat sie auch noch, als ich ein paar Tage später mit meinem Mann zu Besuch kam.

Selbstverständlich verstehe ich aus eigener Erfahrung sehr wohl, wenn eine Mutter von kleinen Kindern mal ausspannen möchte ohne Kinder. Aber sehr rasch kommt doch Sehnsucht auf; eben nach diesen Kindern. Diese Gemütsregung zeigte Frau Alteck in meiner Gegenwart nie!

Ich hatte viel mehr den Eindruck, und der Eindruck hat sich in den letzten Monaten eher noch verstärkt, dass die Kinder für Frau Alteck Mittel zum Zweck sind: zunächst gegen die Großeltern, nun gegen den Vater.

Eine Frau ist durch ihre Mutterschaft nicht automatisch eine Mutter. Aber ein Vater kann eine Mutter sein! wie es Herr Alteck ist.

Das sage ich aus tiefster Überzeugung.

gez. Christa Gruhn
5. August 1992




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