für meine Kinder   
 
     
   
 
 
 
 
 
         
   


Von: RA Kellermann-Körber
An: OLG Stuttgart


18 UF 133/93
In Sachen Alteck / Alteck

 

übergeben wir angeschlossen Stellungnahme der Beratungsstelle für sexuell mitßbrauchte Mädchen zu den -therapeutischen Maßnahmen Anna.


Rechtsanwältin
Dr. Kellermann-Körber

 

Anlagen

Von: Paychologische Praxis
Dipl.-Psych. Sibylle Überschaar
Dipl.-Psach Isolde Krug
An: RA Kellermann Körber

                                                        28.01.1994

 

Sehr geehrte Frau Kellermann-Körber,

mit dem Einverständnis von Frau Ute Alteck senden wir Ihnen anbei einen zusammengefaßten Verlaufsbericht zur bisherigen psychotherapeutischen Behandlung der Geschwisterkinder

Maria Alteck, *14.3.1986 und Yvonne Alteck, *12.4.l988.

Die beiden Geschwisterkinder Maria und Yvonne Alteck am 15.3.1993 vorgestellt und sind seither bei uns in therapeutischer Behandlung (Seit: Oktober 1993 wird die therapeutischee Arbeit von Frau Ueberschaar-Reichle al1ein witergeführt). Grund der Vorstellung der Kinder waren von der Mutter geschilderte Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Belastungsreaktionen, die in Zusammenhang mit einer im Sommer l992 erlebten Entführung der Kinder durch den Vater gesetzt wurden. Zudem nach Angaben der Mutter ein dringender Verdacht auf sexuellen Missbrauch der ältesten Tochter Anna (9) durch den Vater. Nicht abschließend geklärt ist zum Zeitpunkt der Vorstellung die Frage, inwieweit auch Yvonne und Maria sexuelle Übergriffe erlebt oder beobachtet haben.

Vorgeschichte

Die Vorgeschichte ist Ihnen bestens bekannt. Zur Situation zum Zeitpunkt der Vorstellung ist noch zu sagen, dass Frau Alteck seit Frühjahr 1991 von ihrem Mann getrennt lebt und seit wenigen Wochen bei Freunden im Freiburger Raum untergekommen ist. Die Scheidung wurde bereits ausgesprochen, das Sorgerecht liegt bei der Mutter. Der Umzug in eine eigene Wohnung in Sonstwo, wo die Kinder Maria und Anna bereits die Grundschule besuchen, steht bevor. Frau Alteck versucht, ihren Aufenthaltsort vor dem Kindesvater geheimzuhalten, da sie Repressalien fürchtet und die Kinder sich nach ihren Aussagen ebenfalls fürchten, von Vater "entdeckt" zu werden.

Die beiden älteren Schwestern Anna und Maria waren bis zum Umzug der Familie nach Freiburg bereits in therapeutischer Behandlung bei Kobra, Stuttgart, bzw. dem Kinderschutzbund.

Verlauf

Beim Erstkontakt sehen wir Yvonne Alteck, ein zierliches, adrett gekleidetes fünfjähriges Mädchen, die im -Kontakt zunächst sehr zurückhaltend ist, häufig die körperliche Nähe der Mutter sucht und auch auf direkte Ansprache kaum verbal reagiert. Sie nimmt jedoch Blickkontakt auf und folgt dem Gespräch aufmerksam.

Maria Alteck, eine ebenfalls zierliche Siebenjährige, beteiligt sich lebhaft am Gespräch, reagiert offen und spontan auf Fragen, und nimmt häufig eine "Dolmetscherrolle" für ihre Schwester ein.

Als Problembereiche Yvonnes werden zunächst eine primäre Enuresis sowie ihre häufig sehr eingeschränkte verbale Kontaktaufnahme deutlich. Maria wirkt auf den ersten Blick sehr beherrscht, im weiteren Verlauf zeigen sich jedoch zwischen depressiver Verstimmung und aggressiver Trotzhaltung wechselnde Stimmungslagen, die auf eine erhebliche emotionale Belastung schließen lassen.

Zentrales Thema der ersten Stunden ist bei beiden Kindern unabhängig voneinander die erlebte Entführung durch den Kindesvater. Im Spiel und gestalterischen Ausdruck (z.B. Szenomaterial, Freies Malen, Rollenspiel) stellen sie ihre Angst vor einer Wiederholung der Entführung dar. Sehr plastisch und detailgenau können sie den konkreten Akt der Entführung schildern. Desweiteren berichten sie wiederholt von einer Situation, wie sie eines Nachts im Wohnwagen aufgewacht seien und der Vater verschwunden gewesen sei. Diese Situation wird von den Kindern als sehr angstbesetzt geschildert. Es fällt auf, dass sie über den weiteren Verlauf der mehrere Wochen dauernden Entführung kaum berichten. Insgesamt ist deutlich, dass sie die abrupte Trennung von der Mutter als sehr traumatisch erleben und starke Ängste haben, diese könne sich wiederholen. Der Vater wird in diesem Zusammenhang als Bedrohung erlebt.

Im Laufe der folgenden Monate stabilisiert sich die familiäre Situation. Die zu Beginn noch sehr häufige Schilderung der Entführung innerhalb der Therapie wird seltener. Es zeigt sich, dass beide Schwestern sehr gut in der Lage sind, sich in ihrer neuen Umgebung zu integrieren und sich zunehmend sicherer fühlen. Beobachtbar bei Yvonne ist ihre Fähigkeit, sich stärker von der Mutter zu lösen. Im Kontaktverhalten wirkt sie freier und selbstsicherer. Sie ist nun tagsüber trocken, näßt auch nachts seltener ein. Bei Maria fällt eine Stabilisierung der Stimmungslage auf.

Parallel wird von beiden Mädchen in der Therapie nun das Thema "Familie" aufgegriffen. Im Umgang mit therapeutischen Spielmaterialien nahen wird immer wieder die "intakte Familie" dargestellt und der Wunsch nach einer Vaterfigur zum Ausdruck gebracht (z.B. "Geburtstagsfest mit Vater und Mutter", "Hochzeit"). Gleichzeitig äußern die Kinder jedoch immer wieder spontan, auch unabhängig voneinander, den leiblichen Vater nicht sehen zu wollen. Erneute Versuche der Kontaktaufnahme des Vaters, beispielsweise im Dezember 1993, lösen vor allem bei Maria starke Ängste aus. In diesem Zusammenhang berichtet sie von Alpträumen, in denen sie vom Vater verfolgt wird. Sie äußert innerhalb der Therapie vehement den Wunsch, den Vater nicht mehr sehen zu wollen.

Als Vaterfigur gewinnt der neue Partner der Mutter an Bedeutung. Maria malt ein Bild von der "Hochzeit von Jürgen und Mama" und auch Yvonne drückt eine enge positive Bindung aus ("den Jürgen hab' ich lieb").

Innerhalb der Therapie läßt sich eine emotionale Stabilisierung der Kinder feststellen. Die stabile Mutterbindung sowie die Beziehung zum neuen Lebenspartner der Mutter und eine gute Eingewöhnung an die neuen Lebensumstände spielen hierbei ein wichtige Rolle.


Mit freundlichem Gruß
Sibylle Überschaar-Reichle,
Isolde Krug




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